September 2003
57 Armengräber sind 57 Armutszeugnisse
Ergreifende Bestattung für die Hitzeopfer in Paris
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Von einigen war nicht einmal das Geburtsdatum bekannt. Mittwochvormittag wurden Odette, Suzanne, Roger und Rene und weitere 53 Opfer der Hitzewelle in einer schlichten, aber ergreifenden Zeremonie auf einem Pariser Vorort-Friedhof begraben.
Ihre Familien hatten sich trotz zahlreicher Aufrufe und intensiver Suche nicht gemeldet oder konnten nicht ausfindig gemacht werden. Auch die Bemühungen des eigens eingerichteten Krisenstabs im Pariser Rathaus, dem es in den letzten acht Tagen immerhin gelungen war, die Angehörigen von 300 ebenfalls zunächst nicht reklamierten Hitzeopfern doch noch zu finden, blieben in diesen 57 letzten Fällen trotz der zweimaligen Verlängerung der Bestattungsfristen ergebnislos.
Ganz allein indes mussten die „vergessenen Toten", so die Zeitung „Parisien", ihren letzten Gang nicht gehen. Zum Massenbegräbnis auf dem Friedhof von Thiais bei Paris, in der Abteilung für die Armen, erschien Staatspräsident Jacques Chirac. |
Und die Stadt Paris, vertreten durch Bürgermeister Bertrand Delanoe, stiftete die Blumen für Georgette, die im August mit 98 starb, für Zotlan (83), für Georges (82).
Beinahe 11500 überwiegend ältere Menschen hatte die August-Hitze das Leben gekostet. Frankreich reagiert längst in einer Mischung aus Entsetzen und Scham auf diese Horrorzahl, weist die Schuld an diesem „nationalen Drama" (Chirac) nicht allein einem überforderten Gesundheitssystem zu, sondern stellt darüber hinaus auch eine er schreckende Teilnahmslosigkeit innerhalb der Familien und der Nachbarschaft fest. „Dies hier ist nicht nur eine Trauerzeremonie, sondern auch ein Trauerspiel, eine Schande", meinte ein Mitarbeiter des Krisenstabs auf dem Friedhof. „Diese 57 Armengräber sind 57 Armutszeugnisse für unsere Gesellschaft", sagte eine
Rathaus-Mitarbeiterin.
Knapp 20 Minuten dauerte die Bestattung, für deren Kosten Paris aufkommt. Und weil zwar die Identität, nicht aber die Konfession der Toten bekannt war, wurde auf religiöse Zeremonien verzichtet.
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